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Freitag, 2. Dezember 2016

Rezension: Die Tudors: Eine schrecklich tödliche Familie

So, ich habe mir jetzt das Buch "Die Tudors: Eine schrecklich tödliche Familie" vom Stefanie Norden, die manchen von euch von Nordkomplott bekannt sein könnte, zu Gemüte geführt.

Nun vor ab: 
1) Ich werde gleich von Fakten und Informationen sprechen, die ich auf derzeitige (mir bekannte) Quellenlagen beziehe. Da ich nicht ständig das dazu schreiben möchte, weise ich jetzt explizit darauf hin!

2) Zudem möchte ich betonen, dass ich mit der Kritik nicht sage, dass ich es besser mache oder Ähnliches, aber da viele Menschen (nicht die Autorin!) auf negative Bewertungen mit "Mach es doch selber (besser)!" reagieren und ich solche Platitüden von vorn herein vermeiden will. Mal abgesehen davon, dass das ja auch nicht der Sinn einer Rezension ist.

3) Ich habe das Buch nicht zu Ende gelesen, da es mir so gar nicht gefallen hat.

4) Mir fiel die schlechte Bewertung sehr schwer, da ich die Autorin und den Blog mag, aber ich kann dieses Buch einfach nicht weiterempfehlen.


Aber nun zum eigentlichen Thema: Das Buch!


Was verspricht es uns:
Das es nicht zu kompliziert ist.
Dieser Punkt wird erfüllt, wobei ich mir gewünscht hätte, dass der Begriff der Rosenkriege zumindest mit einen Satz erklärt wird.

Das es die Charakter hinter den Personen zeigt.
Das muss ich leider verneinen. 
Die Autorin beschreibt ständig, wie sich die Personen gefühlt haben - etwas das wir schlichtweg nicht wissen können. Ich habe nichts dagegen, wenn sie schreibt "Ich könnte mir vorstellen, dass sie sich so und so gefühlt hat", aber nicht, als seien es Tatsachen. Zumal die historische Eingebundenheit eines Menschen dabei nicht berücksichtigt wird. 
Ferner wird (und da ich die Teile zu Catalina de Aragon und Anne gelese habe) eigentlich nur die stereotypischen Charakterzüge der Personen reproduziert und sie bleiben eindimensional; Henry VIII. als blutrünstiger Tyrann, Catalina als geduldige Verstoßene und Anne als bitch par exellance. Keines der Individuum war nur das - wenn überhaupt. Das wird u.a. klar, wenn man bedenkt, was Catalina entschied, als sie sich gegen eine freiwillige Lösung der Ehe ausprach: Ihre Ehe sowie Mary wären legitim geblieben!

Das es kuriose und blutige, nicht in den Geschichtsbüchern zu findene Details enthält.
Leider nein. 
Die mir bis dato untergekommenen Details habe ich auch schon in anderen Büchern entdeckt. Und das auch nicht sehr versteckt.

Das es kein Fachbuch ist.
Daran hält sie sich. Sie ergießt sich nicht in Fachgeplänkel, dass Tudor-Einsteiger vermutlich abschrecken würde und es unnötig verkompliziert.

Das es nicht langweilig ist.
Etwas höchst Subjektives. Selbst für einen Laien könnten die zahlreichen Wortwiederholungen ermüdend sein.



Und nun zum Eingemachten:
Hierbei unterscheide ich von "Ist Geschmackssache" und  "Fehlern". 

Zum ersten Punkt:
Die Wortwiederholungen - Das bezieht sich auf Worte wie Doch, etc. sowie die Namen einzelner Personen. 
Beispielsweise steht in einen Absatz von fünf Zeilen zwei Mal Margaret Beaufort. Was mal nicht schlimm wäre, aber bei der Anhäufung dieser Wiederholungen ist es schon grenzwertig.

Informationswiederholungen - Wenn ich im Laufe von 20 Minuten zwei, drei Mal lese, dass Henry VIII. der zweitgeborene Sohn seines Vaters war, empfinde ich das als arg lästig. 
Aber wie kam das? Weil Das Buch im Grunde genommen nur die Blogeinträge umfasst; Daher wohl auch die m.M. nach nicht immer geglückten Überleitungen.

Und das führt mich zum nächsten Aspekt: Das Buch ist ein Buch zum Blog - also es sind die Beiträge in Buchform. Das ist an und für sich kein Problem, aber ich persönlich finde, dass das erwähnt werden sollte.

Und nun zu den Fehlern:
Hier trenne ich zwischen "nur zum Teil falsch" bzw. "falsch, weil der Autorin Informationen fehlen" und zu "falsch".

Die Fehler der ersten Kategorie speisen sich häufig auf fehlende Informationen, die nicht so einfach rechachierbar sind. 
Ein Beispiel: Bei Henry VIII. wird davon gesprochen, dass für ihn eine kirchlichliche Laufbahn vorgesehen wurde. Da sind HistorikerInnen sich uneinig, aber fest steht, dass keine Quellen bekannt sind, die das belegen. 
Ein weiteres Beispiel ist das Fernbleiben Henrys bei der Taufe von Elizabeth. Was oft nicht bekannt ist: Eltern waren damals nicht bei der Taufe ihrer Kinder anwesend. So kann man seine Abstinenz nicht als irgendein Zeichen dafür deuten, dass es zwischen ihm und Anne bereits gekriselt hat. Damit will ich nicht sagen, dass dem nicht so gewesen sein kann, sondern dass das nicht als Argument oder Beleg dafür gültig ist.


Schlicht weg falsche Informationen finden sich leider auch. 
Zum Beispiel wird geschrieben, dass sowohl Anne als auch ihre Schwester am Hofe von Margaret von Österreich lebten. Das ist einfach falsch. Und das ist eine Information, auf die man bei der Recherche zu Anne ziemlich schnell stößt. 
Oder das jener Hofmusiker, der laut dem Buch unter Folter gegen Anne ausgesagt hatte, ist so ein Fall; Es liegt zwar nahe, dass er gefoltert wurde, aber letztendlich weiß man es überhaupt nicht.


Zu Anne Boleyn
Bezüglich Anne kräuselte es mich ehrlich gesagt non-stop. Warum? 

Zum einen, weil die Autorin, wie leider viele Menschen - u.a. auch HistorikerInnen - dem Mythos der bösen, egoistischen Anne aufgesessen ist. Das ist zum Teil Chapuys´ später Rache, denn wie Eric Ives aber auch Susan Borden erkannten, beziehen sich viele vergangene und heutige AutorInnen auf Chapuys als Quelle. Das er als bekennder Gegner Annes nicht gerade als neutrale Quelle bezeichnet werden kann, ist nur die Spitze des Problems (Dazu wollte ich bei Gelegenheit noch einen Blogeintrag verfassen). 

Leider strotzt der Anne-Teil vor Halbwahrheiten, Trugschlüsse und Fehlern. 
Zum Beispiel war Anne bei Leibe kein "Stern am Hof", aber auch dieser Irrtum ist weitverbreitet. Anne war weder eine Aussenseiterin, noch ein Star. 

Aber ebenso die "Information", Anne hätte Henry einen Sohn versprochen... Es gibt keine Hinweise dazu. Ebenso die Darstellung Annes als böse Schwiegermutter; Dass Anne sich zunächst um Marys Gunst bemüht hatte, habe ich bereits in einen Blogeintrag hinreichend erläutert.

Ich könnte das noch weiter aufdröseln und analysieren, aber ich belasse es dabei mit dem Hinweis, dass ich Nachfragen gerne nachgehe.




Sonstige Fehlerchen
Manchmal sind kleine Formatierungsfehlerchen vorhanden wie ein Absatz, der nicht mehr im Blocksatz formatiert wurde und statt dessen mittig ausgerichtet wurde. Da das Buch im Selbstverlag entstand erschienen ist, habe ich dafür Verständnis, schließlich ergeben sich daraus zahlreiche Hürden.

Einer der Kritiker hatte sich über die schlechte Rechtschreibung beschwert. Das stimmt nicht ganz, es ist eher die Zeichensetzung und die speist sich vermutlich einfach daraus, dass die Autorin eine etwas andere Rechtschreibung gelernt hat. Zum Beispiel, dass vor den und ein Komma steht. Das wird heute nur bei bestimmten Fällen gemacht, aber ist nicht mehr die Regel. 

Henrys Mutter wird als Elizabeth von York bezeichnet. Also entweder Elisabeth von York oder Elizabeth of York - aber das Denglisch...

Der Absatz "Katharina von Aragon: Heldin oder Opfer?" entzieht sich meinen Veständnis. Zum einen finde ich eine solche Schwarz-Weiß-Ansicht, die diese Frage impliziert, sinnfrei. Aber darauf wird auch nicht wirklich eingegangen. Es werden eigentlich nur Was-wäre-wenn-Fragen gestellt (die unbeantwortet bleiben - ohne Erklärung weshalb) und die Autorin spricht ihre Bewunderung für sie aus. Alles schön und gut, aber das hat mit dem Titel nichts zu tun.



Fazit:
Für Einsteiger, denen die extrem subjektive Darstellung nicht stört und der nicht all zu viel Wert auf historische Richtigkeit legt, wird damit sicherlich glücklich. Allerdings wird dadurch die Klischee belastenden Charakterzeichnungen der Akteure befeuert und an die nächste "Generation" weitergeleitet.  
Wegen der zahlreichen, teils massiven Fehler kann ich nur von diesem Buch abraten!

Sonntag, 10. Juli 2016

Das Spiel der höfischen Liebe

Das Thema der höfischen Liebe muss unbedingt im Zusammenhang mit Anne und Henry näher erläutert werden. Hier zunächst mein Beitrag im allgemeinen von meinen Renaissance-Blog, gefolgt mit einer kleinen Ergänzung im Kontext des englischen Hofes.
Das „Spiel der höfischen Liebe“ war eine Art Verhaltenskonzept, welches an Europas Höfen betrieben wurde und somit Einfluss aus die vorherrschende Etikette hatte. Einige LiteraturforscherInnen halten das Konzept der höfischen Liebe, jener Zeit als hohe Liebe bezeichnet, für eine irreale Konstruktion, die es aber so gar nicht gegeben hat. 
Nun, so einfach ist es nicht. Mag dieses Konzept, welches vielleicht nur der mittelalterlicher Literatur entsprungen war, zunächst nicht existiert haben – und darüber sind sich HistorikerInnen wie LiteraturwissenschaftlerInnen uneinig – so lässt sich zumindest feststellen, dass es zur Zeiten der Renaissance durchaus betrieben wurde. So mag der Ursprung durchaus bestritten werden, aber das die Literatur sich schließlich im realen Benehmen am Hof manifestierte, ist nicht zu leugnen.
Aber fangen wir von vorne an: Was ist höfische Liebe eigentlich? Es ist eine Art Verhaltenskonzept, welches sich aus der Minneliteratur ergab und die Verhaltensregeln des Hoflebens beeinflusste. Sozusagen ein spielerischer Flirt, der zum guten Ton an den meisten Höfen Europas – selbst noch während der Renaissance – gehörte. Höfische Liebe war gewissermaßen eine Art Spiel, was von den Höflingen gespielt wurde und in dem um die ausgewählte Dame am Hof geworben wurde. Dies geschah mit eigens für sie verfassten Gedichten, komponierter Musik oder mit einen ihr gewidmeten Sieg bei einem Turnier. Dabei erwählte man die Dame nicht aus romantischen Gefühlen oder mit dem Ziel,  mit ihr körperlich intim zu werden – wobei beides nicht ausgeschlossen war. Im Grunde genommen ging es darum, dass ein Höfling eine Dame umwarb, die ihn meist im Rang höher oder bereits verheiratet war und somit theoretisch unerreichbar blieb. Der Herr umgarnte seine Auserwählte als ihr unterwürfiger Diener, und die Angebetete konnte entweder mit schüchterner Ermutigung oder grimmiger Missachtung reagieren. 
Wozu der ganze Aufwand, wenn echte Zuneigung kein Anlass war? Auch hierrüber streiten sich die Gelehrten noch immer. Zum einen wird sie als eine Art Disziplinierungsmaßnahme für junge Herren gesehen, die so lernen sollen ihre Leidenschaft zu zügeln, aber auch gleichzeitig um den Kopf des Hofes, zum Beispiel der König, zu zeigen, dass sie treue und devote Untertanen war – schließlich diente man nur einer Herrin gleichzeitig. Damit erhält die höfische Liebe einen erzieherischen Charakter, bei dem die Herrin ihren meist jungen Diener zur Maßhaltung erzieht. In wie fern das ganze schließlich die Sexualität verschleiern sollte, kann man auch nicht mehr sagen. Es wäre allerdings vorschnell geurteilt, wenn man bei dem Gedanken von Herrin und Diener an Emanzipation denkt. Die meisten Schriften zu diesem Bereich waren zu tiefst misogyn und die Frauen waren mehr das Lockmittel für einen Konkurrenzkampf junger Herren, die sich gegenseitig übertreffen wollten um die Dame für sich zu gewinnen. Gleich, wie genau es zu deuten ist, hatte die höfische Liebe immer etwas mit Gefahr zu tun, denn selbst wenn der Wettkampf nicht in Turniere gimpfelte, so war es immer ein Spiel mit den Feuer, denn aus der symbolischen Anbetung der Dame konnte eine echte werden ebenso wie umgekehrt. Wenn besagte Dame verheiratet war, so konnte das für beide Parteien ein unerfreuliches Ende nehmen.
Georges Duby hat hierzu ein schematisches Modell zur höfischen Liebe als Erziehungsmodell entwickelt, dass ganz gut die Übersicht dieses Themas beschreibt:
  1. Es umfasst einen Mann, meist „Jüngling“ genannt. Der Ausdruck kann einerseits als Fachausdruck der damaligen Zeit für einen Mann ohne rechtmäßige Ehefrau betrachtet werden, ebenso wie für ein junger Mann, der in der Tat seine höfische Erziehung noch nicht abgeschlossen hat. Der Jüngling bestrebt die Dame zu erobern.  
  2. Besagte Dame, in der Regel verheiratet und daher unerreichbar, hatte aufgrund ihres Geschlechts generell eine schlechtere Position innerhalb der Gesellschaft, denn sie konnte nicht an der gesellschaftlichen Macht partizipieren wie ein Mann. Über die wenig erfreuliche Stellung der Frau jener Zeit dürfte inzwischen jeder informiert sein, sodass ich mir hier weitere Ausführungen spare. Die Funktion der erwählten Dame war in diesem Zusammenhang, dass sie den Eifer des Jünglings anregen sollte, der sich in Wettkämpfen behaupten und somit seine Leistungen steigern sollte.   


So, und woher kam jetzt dieses Konzept genau? Die genauen Ursprünge bleiben unklar und in wieweit die Dichter ihre Inspiration aus dem realen Benehmen der Adligen herleiteten oder ob es als „Soll-Zustand“ oder schlichtweg aus künstlerischer Gestaltung entstand, wird wohl ein Rätsel bleiben. Zumindest speist sich dieses Konzept aus der literarischen Tradition der Troubadoure Westeuropas des 12. und 13. Jahrhundert. Es findet sich auch kein einheitliches Quellenbild; Manche Dichter haben andere Schwerpunkte gewählt und beziehen sich mehr auf den Aspekt der Waffenkunst. Es gibt durchaus Texte, indem es nicht nur bei der Anbetung der Liebsten bleib und es war ebenso nicht zwingend erforderlich, dass es sich um eine ranghöhere Dame handeln müsse. Es ist allerdings soweit festzuhalten, dass die unerfüllte Liebe als höchste Form der höfischen Liebe betrachtet wurde.

  • BORDO, Susan (2014): The Creation of Anne Boleyn – A new look at England´s most notorious queen, Boston und New York (USA)
  • BUMKE, Joachim (2008): Höfische Kultur – Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter, München
  • DUBY, Georges (2002): Die Frau ohne Stimme – Liebe und Ehe im Mittelalter, Berlin
  • LOADES, David (2009): The Tudor Queens of England, Cornwall (England)
  • LOADES, David (2012): The Boleyns – The Rise & Fall of a Tudor Family, Gloucestershire
  • IVES, Eric (2005): The life and death of Anne Boleyn `the most happy`, Malden(USA);  Oxford (England); Victoria (Australien)
  • WEIR, Alison (2008): Henry VIII – King and Court, London (England)

Text von meinem Renaissance-Blog Lady Tudor




Die höfische Liebe am englischen Hof

Das Konzept wurde aufgrund seiner burgundischen Tradition unter Henry VIII. eingeführt, der Elemente des längst nicht mehr existierenden Hofs und dessen Kultur an seinen englischen Hof einführte. Grundsätzlich sollte am englischen Hof das Spiel der höfischen Liebe nicht körperlich werden. Hier galt als edelste Art der höfischen Jagd das Verfassen von Gedichten, die zu Ehren der angebeteten Dame geschrieben wurden. In der Regel wurde dieses Spiel allerdings mit dem Maids of Honour am Hof gespielt, die nicht immer verheiratet waren.  
So kann man das Werben des Dichters Thomas Wyatt um Anne durch seine Gedichte auch als höfische Liebe interpretieren, die nicht zwangsläufig auf realer Zuneigung der Zwei fußte. Ebenso vermuten einige HistorikerInnen, dass Henry, welcher dieses Spiel bekanntermaßen selber gerne spielte, bei einigen seiner Ehefrauen zunächst nur der höfischen Liebe nachgegangen ist, ehe sich seine Gefühle vertieften.

Dienstag, 28. Juni 2016

Kindheit und Jugend

Über Annes Kindheit ist sehr wenig bekannt, aber vermutlich wurde sie auf Blickling in Norfork (Im Norden von Norwich) geboren – so lautet zumindest die Information von Annes ehemaligem Kaplan Matthew Parker. Es liegt nahe, dass sie,  wie damals üblich, die ersten Jahre von ihrer Mutter auf Hever Castle erzogen wurde. Ihr Vater war jedoch aufgrund diplomatischer Missionen selten anwesend.

Nach der aktuellen Quellenlage war Anne die erste der Boleyn-Töchter, die das elterliche Haus verließ. Dass die Kinder adliger Familien zwischen den siebten und zwölften Lebensjahr in den Haushalt einer anderen Adelsfamilie geschickt wurden und dort mit anderen Kindern hochgestellter Familien in Tanz, Sprache, Musik und Haushaltsführung unterrichtet wurden, war Gang und Gebe. Das Anne direkt in den Haushalt einer so hochrangingen Person wie der Erzherzogin Margaret von Österreich diese Ausbildung erhielt, war jedoch eine fantastische Aufstiegsmöglichkeit für Anne. Die diplomatischen Verbindungen von Annes Vater Thomas zu Margaret ermöglichten es ihn eine seiner Tochter zu ihr an den Mechelner Hof zu schicken und ihr in Margarets Haushalt eine der begehrtesten Positionen europäischer Adliger zu vermitteln: filles d´honneur (Ehrendame) Margaret von Österreich war sehr wählerisch in der Auswahl ihrer 18 Hofdamen, welche der „La dame d´honneur“ (=Kopf der weiblichen Aufstellung) unterstanden, und dass sie Anne den Zugang zu dieser anspruchsvollen Bildung gewährte und ihr Vater sie statt ihrer Schwester dafür wählte, deutet auf Annes Qualitäten hin.

Margarete von Österreich
Anne hielt sich nachweißlich zwischen 1513 - 1514 im Haushalt Margarete von Österreichs auf, deren Hof sich an burgundische Traditionen orientierte und damit auch französische Elemente erhielt. Margaret hatte als Regentin von ihren Neffen Karl von Burgund – der spätere Kaiser Karl V.*  – die Hoheit über die heutigen BeNeLux-Ländereien ihres minderjährigen Neffen und erzog diesen auch an ihren Hof, welcher in gesamt Europa als Vorbild diente. Margarets Hof war nicht nur als Mekka der Künste und Mode bekannt, sondern auch für seine exzellente Erziehung junger Adliger. Da die Erzherzogin die Erziehung ihres Neffen sowie dessen Schwester übernahm, aber diese nicht in Isolation von anderen Heranwachsenden geschehen sollte, ermöglichte sie es den Sprösslingen hochrangiger Adliger als ihre Bedienstete ebenfalls eine exquisite Ausbildung zu erhalten. Margaret galt als strenge Erzieherin mit stets wachsamen Auge auf ihre Schützlinge; Das Benehmen und die Konversationen mussten korrekt sein und das Spiel der höfischen Liebe durfte nicht körperlich werden. Dass Margarete selbst Annes Vater einen Brief zukommen ließ, in den sie von einem positiven Eindruck der jungen Dame berichtete. spricht ebenfalls für Annes Qualitäten. 

* Ganz genau, der Kaiser Karl, der auch Neffe von Catalina de Aragon war. Es liegt nahe, dass Anne und er sich somit seit Kindertagen kannten.

Die Aufgaben einer Ehrendame waren recht unspezifisch; sie sollten sich ihrer Herrin nützlich machen, in dem sie Aufgaben erledigten und sich an der Organisation der Hofunterhaltung zu beteiligte. Zudem wurden sie unterrichten in Etikette, Tanz und der französischen Sprache. Dazu diente allen 18 Ehrendamen der Tutor namens Symonnet, der auch Anne unterrichtete. Da sie keine Familie in Mechelen besaß, musste Anne permanent am Hof leben. Die Erinnerung an „La Boullant“ war am Mechelner Hof auch 20 Jahre später noch vorhanden: Anne wird als intelligent, selbstbeherrscht und schnell lernend beschrieben. Zudem soll sie sich sehr bemüht haben, eine ehrenwerte Dame zu werden – was ihr schließlich erfolgreich gelang.

Louis XII.
Wann genau Anne den Hof Margaret von Österreichs verließ, ist unbekannt. Thomas Boleyn sandte ein Schreiben an die Erzherzogin mit der Bitte, Anne freizustellen, da sie in den Dienst Mary Tudors übergehen sollte, die bald den französischen König Louis XII. ehelichen sollte und englische Hofdamen benötigte. Anne sollte im August 1514 in Frankreich sein, aber auf den Listen bezüglich der Hochzeit ist nur ihre Schwester verzeichnet. Manche Historiker vermuten, dass Anne zu dem Zeitpunkt noch nicht in Frankreich war, so zieht zum Beispiel Eric Ives in Erwägung, dass der Brief von Thomas Boleyn Margaret nicht rechtzeitig erreichte, da sie sich im August in der niederländischen Provinz Seeland aufhielt. Der Zeitgenosse Lancelot de Carles äußerte sich hingegen im Jahre 1536, dass Anne pünktlich zur Hochzeit in Frankreich eingetroffen war. Ives hält die Möglichkeit, dass Anne nicht auf den Listen zu finden ist, weil sie zu jung war, für unwahrscheinlich, da sie schließlich als „Übersetzerin“ angefordert wurde. Neben der Theorie, dass der Brief zu spät ankam, um Anne rechtzeitig loszuschicken, zieht Ives in Betracht, dass Margaret von Österreich Anne absichtlich erst später nach Frankreich schicken ließ, weil ursprünglich ihr Neffe Karl Mary Tudor heiraten sollte und diese nun eine Ehe mit dem französischen König einging und Frankreich als eingeschworener Feind der Habsburger galt. Auch wenn der genaue Zeitpunkt von Annes Eintreffen unbekannt ist, so liegt es nahe, dass sie an der Krönung Mary Tudors am 5. November 1514 anwesend war und nicht auf den dazu geführten Listen stand, da sie zur Dienerschaft ihrer Schwester gezählt wurde.

Claude de France
Anne verblieb zwischen 1514 und 1522 am französischen Hof, dessen lasterhafter Ruf Europaweit verbreitet war. Nachdem Anfang 1515 König Louis XII. gestorben war und Mary Tudor zurück nach England kehrte, blieben die Boleyn-Schwester im Haushalt der neuen Königin Claude, Ehefrau von François I.. Annes Schwester Mary sollte vor 1519 zurück nach England kehren, wobei genaue Daten nicht vorliegen. Auch wenn sich der französische Hof ebenso wie der von Margaret von Österreich an den burgundischen Traditionen orientierte, so wurde der „unkonventionelle“ Lebensstil François I.  offen zur Schau gestellt und konfrontierte damit den Anwesenden mit dessen offener Sexualität. Anne teilte das zurückgezogene Leben Claudes, welche de Carles nach ausdrücklich gewünscht hatte, Anne bei sich zu behalten. Der Haushalt der neuen Königin hielt sich entweder in Amboise oder Blois an der oberen Loire und Annes Aufgaben dürften denen vom Margaret von Österreichs Hof recht ähnlich gewesen sein. Durch Claudes zurückgezogenes Leben dürfte sie allerdings wenig vom „skandalösen“ Hofleben mitbekommen haben, da François I.  seine Gemahlin nur selten besuchte. Da Anne auch in Frankreich keine Familie besaß, musste sie permanent im Haushalt der Königin leben. Da sich Ende 1521 die französisch-englische Beziehung verschlechterte und Heiratspläne für Anne geschmiedet wurden, kehrte sie im März 1522 in ihre Heimat zurück.

Obwohl Anne wesentlich länger am französischen Hof verweilte, scheint der Mechelener Hof mehr Eindruck auf sie gemacht zu haben, denn während ihrer Inhaftierung im Tower of London schwelgte sie laut den Quellen in der Erinnerung an ihre Zeit bei Margaret von Österreich – aber nicht von ihre Zeit in Frankreich.